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Korsika lebt!

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Die Korsika-Karte und das Geleitwort anstelle der vertrauten Gallien-Karte und der Vorstellung der wichtigsten gallischen Helden lassen erahnen, dass die Autoren etwas besonderes im Schilde führten, mit der zwanzigsten, der Jubiläumsgeschichte.

Für den größten Teil der Menschheit ist Korsika die Heimat des Kaisers Napoleon, der ebensowenig aus der Geschichte wegzudenken ist wie unser alter Freund Julius Cäsar. Aber Korsika ist auch das Land, wo es Blutrache gibt, die Siesta, politische Intrigen, aromatischen Käse, wilde Schweine, Esskastanien und alterslose Greise, die einfach nur zuschauen, wie die Zeit vergeht. Korsika ist aber auch mehr. Es gehört zu den Fleckchen Erde, die Eigenart, ja sogar Persönlichkeit besitzen, denen weder die Zeit noch die Menschen etwas anhaben können. Es ist eine der bezauberndsten Gegenden der Welt und trägt zu Recht den Namen "Insel der Schönheit".

Korsen sind Individualisten von überschäumendem Temperament, die gleichzeitig beherrscht und gelassen in ihrem Gehabe, gastfreundlich, ihren Freunden treu, heimatverbunden, redegewandt und mutig, noch eine andere Eigenschaft zu haben: Sie sind leicht beleidigt.

Mit diesem Vorwort beginnen die Autoren Albert Uderzo und René Goscinny den 20. Band der Asterix Reihe "Asterix auf Korsika", der erstmals 1973 als Fortsetzungsgeschichte und 1975 in Deutschland in Albenform erschienen ist. Um sich für die Exkursion ihrer Helden zu dokumentieren, haben die beiden Autoren vor Ort recherchiert. Sie waren einige Tage auf Korsika, in Aléria, um dort die römischen Ruinen zu besichtigen. So konnte Uderzo sich für die Episode ausmalen, wie eine römische Stadt zu jener Epoche ausgesehen haben mag. Mit Hilfe eines Plans und mit Fotos hat er versucht, sie in der Zeichnung auf Seite 27 zu rekonstruieren. Inzwischen liegt Aléria allerdings weit vom Meer weg, und da, wo einst der Hafen war, ist nun der Strandsee Étang de Diane. An den Zeichnungen ist aber zu erkennen, dass es ihm großes Vergnügen bereitet haben mag, diesen Hafen zu rekonstruieren. Auch die Fauna mit all den Blättern der Bäume in Rot und Gelb versuchte er, in seinen Bildern aufleben zu lassen, wurde dem aus Mangel an Zeit aber nicht ganz gerecht.

Auf der Karte im Einband des Albums lässt Goscinny seiner Phantasie freien Lauf. Die deutschen Übersetzer haben erfolgreich ebensolches getan, indem sie den abgebildeten Römerlagern klangvolle Namen gaben: so gehören Linoleum, Delirium, Natrium, Memorandum ebenso dazu wie Iamaicarum (Rum aus Jamaika), Cedeum (CDU), Tschuingum (Chewingum) und Uncletum (Uncle Tom, eine Anspielung auf den Stowe-Roman "Onkel Toms Hütte").

Solide konstruiert und einfühlsam illustriert gefällt "Asterix auf Korsika" unter anderem durch die herrlich komische Darstellung der so stolzen wie schnell beleidigten Korsen. Wenn sich etwa die Widerständler zum Angriff auf Aléria formieren, geben neben den Klappmessern sogar die Schwerter und der mit Ausziehmechanismus versehene Speer ein phonetisches "Klick!" von sich. Bis der wilde Haufen dann aber endlich losstürmt, vergeht noch viel Zeit durch langes Diskutieren. "Diesen Jungs geht einfach jeder Sinn für Pünktlichkeit ab!" kommentieren dies die vier Greise auf ihre treffliche Art.

Bezüge zur Geschichte finden sich in verschiedener Form. So heißt ein korsischer Sippenältester und Teilnehmer an eben diesem Angriff auf Aléria "Austerlix". Sein Name spiegelt die Stadt Austerlitz wider, wo am 2. Dezember 1805 Napoleon I. (1769 – 1821) in der sogenannten Dreikaiserschlacht einen entscheidenden Sieg landete. Überhaupt erhält der berühmteste Sohn dieser Insel noch einige Ehrungen in dieser Episode. So steht der korsische Häuptling Osolemirnix am Ende der Geschichte auf Seite 45 mit der rechten Hand im Wams vor dem Besiegten Prätor von Korsika, Grassus Vampus, also in der Pose des berühmtesten Korsen. Der von Osolemirnix gebrauchte Begriff der "Großen Armee" auf Seite 38 für die korsischen Widerständler ist in der vorliegenden Geschichte auch eine von diversen Anspielungen auf Bonaparte. Als Reverenz an den Kaiser der Franzosen darf auch die an Prätor Vampus gerichtete Feststellung gewertet werden: "Ein Kaiser, den die Korsen akzeptieren, muss Korse sein!"

Dem zweiten populären Mann der Insel, Tino Rossi (1907 – 1983), verdankt Osolemirnix seinen Namen. In Frankreich feierte der in Ajaccio geborene Sänger bereits ab 1934 mit "O Corse... O ile d’amour" (Oh Korsika... Oh Insel der Liebe) Triumphe, ehe ihn 1938 der Schlager "O sole mio" auch international bekannt machte. Auf Seite 20 beschreibt Osolemirnix Korsika anhand eines Käseduftes: Hauchzarter Duft nach Thymian und Mandeln, Feigen und Kastanien. Ein Hauch von Kiefer, leichte Andeutung von Beifuß, eine Ahnung von Rosmarin und Lavendel.

Heute lebt die französische Mittelmeerinsel Korsika mit etwa 250 000 Einwohnern und der Hauptstadt Ajaccia hauptsächlich vom Anbau von Edelkastanien, Wein, Oliven und dem Fremdenverkehr. Ab 231 v. Chr. römisch, wurde die 8680 Quadratkilometer große Insel ab 1284 unter die Herrschaft von Genua gestellt, bevor sie ab 1768 in französischen Besitz überging.

Als Folge der verstärkten Autonomiebestrebungen seit den 70er Jahren hat die französische Zentralregierung Korsika 1982 bestimmte Selbstverwaltungsrechte eingeräumt.
 

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